Ganz schön ausgeschlafen

Von Corona in einen überlangen Winterschlaf gezwungen, lässt sich der Lesebär der Bürgerstiftung Mosbach dennoch nicht ausbremsen
Mosbach. (ub) Dass Bären Winterschlaf halten, ist bekannt. Dass dieser Schlaf bei einem bestimmten Bären inzwischen fast zwei Jahre dauert, dürfte jedoch erstaunen. Es ist der Corona-Pandemie geschuldet, dass der „Lesebär“ der Bürgerstiftung für die Region Mosbach zu mehr Schlaf gezwungen ist, als ihm selber lieb ist. Überaus rege nämlich war die Tätigkeit des Lesebären bis 2019.
Zum jeweiligen Schuljahresbeginn erhielten alle Erstklässler von der Bürgerstiftung eine Lesetüte, in der sich neben kindgerechten Beigaben ein Gutschein für ein Buch befand. Persönlich überreicht vom Lesebären und seinem Team, das die Schulen mit einem eigens gestalteten Automobil ansteuerte. Im Herbst 2020 war das nicht mehr möglich, ein Jahr später genauso wenig.
Das Lesen zu fördern und Lesekompetenz zu stärken, hat sich die Bürgerstiftung seit mehr als einem Jahrzehnt auf die Fahnen geschrieben. Mit Tüten, Paten und Bären war man unterwegs – zu Kindern, Eltern, Lehrerinnen, Erzieherinnen. In den jeweiligen Schulklassen war das Verteilen der Lesetüten am Schuljahresbeginn stets ein Ereignis. Mit an Bord: der Lesebär, der mit großem „Hallo“ begrüßt wurde. Die Besuche des pelzigen Botschafters werden vermisst.
Doch das Lese-Team hat keineswegs geschlafen. Anne Schmieg, Simone Garcia, Patricia Spitzer und Christel Mayer ließen sich von Kontakt- und anderen Beschränkungen nicht abhalten. Sie entschlossen sich, im Herbst 2021 neue Wege zu gehen, um die Leseanregungen doch noch unters kindliche Volk zu bringen.
„Der Lesebär hat an jede Klasse ein Bärenpaket geschickt“, berichtet Christel Mayer, die als einstige Grundschulleiterin nicht müde wird, die Wichtigkeit des Lesens für Kinder zu unterstreichen. In der Bärenpost, die vom Team selbst überbracht wurde, steckte ein Brief an die Schülerinnen und Schüler, einer an die Eltern, ein Tröstebär und Bärengeld. Letzteres hat die Gestalt eines Gutscheins für vier Buchhandlungen in Aglasterhausen, Mosbach und Buchen.
„Dass die Buchhandlungen auch diesen Weg mit uns gehen, dafür sind wir dankbar“, betont Patricia Spitzer. Im Herbst wurden insgesamt 45 Bärenpakete gebastelt, gefüllt und an die zweiten Klassen an Grund-und Förderschulen ausgegeben. „Denn die waren ja nun die Erstklässler, die im Schuljahr 2020/21 leer ausgegangen waren.“ Mittlerweile seien von den 750 ausgegebenen Gutscheinen, dem „Bärengeld“, 350 in den Buchhandlungen eingelöst worden, weiß Christel Mayer.
Leer sollen auch die neuen Erstklässler nicht ausgehen. Noch ist man sich im Lesetütenteam nicht ganz schlüssig, in welcher Form die Gutscheine samt Beiwerk zu den Kindern gelangen. „Das hängt von der Situation ab, die sich uns im Frühjahr bietet“, überlegt das Team. „Wir wollen möglichst viele Kinder erreichen.“
Die Bürgerstiftung hat 4000 Euro bereitgestellt. In die erste Lieferung sind davon gut 3000 Euro geflossen. „Lesen gilt als eine Schlüsselqualifikation für Erfolg und Selbstständigkeit“, ist man bei der Bürgerstiftung überzeugt und fördert dies mit rund 10 000 Euro pro Jahr. Das Geld floss in verschiedene Aktionen, beispielsweise in die Ausbildung von Lesepatinnen und -paten, Autorenlesungen und Theateraufführungen für junge Leser oder die Aktion „Mosbach liest vor“. Wie der Lesebär wünscht man sich, dass der überlange Winterschlaf auch hier bald ein Ende findet.

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